Über uns – Die Anfänge …

In den Rückspiegel schauen – den Blick aber weit nach vorne richten

Anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums des Vereins Steirisches Volksbildungswerk haben wir den in Graz lebenden Schriftsteller Christian Teissl eingeladen, die Entstehungsgeschichte des Volksbildungswerkes in der Steiermark und der damit verbundenen Herausgabe der Zeitschrift steirische berichte zusammenzufassen.

„Jeder, der geistig regsam ist, schämt sich der ländlichen Verhältnisse und strebt in die Landeshauptstadt; will studieren, will in ein Büro, in ein Kaufhaus; in die Nähe der großen Theater, Kinos und Konzertsäle. Das Land vermag sie nicht zu halten“, klagte Franz Maria Kapfhammer 1948, als der Wiederaufbau der zerbombten Städte in vollem Gange war. Selbst ein Kind der Stadt, aufgewachsen in Wien, hatte Kapfhammer als Volksschullehrer in verschiedenen Dörfern des niederösterreichischen Alpenvorlandes gewirkt, ehe er in der Steiermark ein neues Zuhause und in Josef Steinberger, dem Gründer der Bildungsstätte St. Martin bei Graz, seinen wegweisenden Mentor fand.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er zum „bundesstaatlichen Volksbildungsreferenten für Steiermark“ bestellt und damit in eine Funktion berufen, die er fast zwanzig Jahre lang ausüben sollte. Als Volksbildner mit Leib und Seele bereitete ihm das schleichende Sterben der Dörfer und der damit einhergehende Kulturschwund auf dem flachen Land große Sorgen; er wurde nicht müde, gegen diese Entwicklung zu Felde zu ziehen, dagegen immer wieder mahnend seine Stimme zu erheben.

„Nicht nur die große Stadt hat Kulturinstitute, Konzert- und Theatersäle und Volksbildungsstätten!“ heißt es etwa in seiner eingangs zitierten Denkschrift aus dem Jahr 1948. „Wir haben Hunderte von Bildungs- und Kunststätten in unserem Lande. […] Ich kenne Bauernhäuser, die eine hohe Schule der Arbeit, des Charakters und der Kultur sind, und weit über die Nachbarschaft hinaus reicht ihre bildende Kraft. Es gibt Schulhäuser in unserem Lande, die eine Volkshochschule im wahrsten Sinne des Wortes sind; und Pfarrhäuser und Kirchen, die eine Kraft in die Häuser aussenden, von der sich einer, der die Priester von den Pfaffen nicht zu unterscheiden vermag, keine Vorstellung macht. Da ist eine Blaskapelle, dort eine Volksbücherei, hier eine Volkstanzgruppe, woanders ein Kirchenchor, der das kulturelle Leben im Orte darstellt und die Menschen zu geistigem Tun versammelt. Wieviel guter Wille lebt in unserem Landvolke! Wieviel Fleiß und Begeisterung und edler Kunstsinn sind am Werke! Daß die Mittel oft unzulänglich sind und die rechten Behelfe fehlen; daß sich niemand um die Ausbildung kümmert, ist es eigene Schuld? Wäre es nicht der Mühe der Besten wert, zu helfen und zu verbessern?“

Kapfhammer zögerte nicht, sich dieser Mühe zu unterziehen, und fand landauf, landab etliche Mitstreiter in allen Schichten der Bevölkerung und in allen Generationen. Er sah es als Gebot der Stunde, „daß die vielen örtlichen Kräfte zusammenspielen und in einer größeren Einheit, in der Landschaft, zusammenwirken. So sehr die Kulturarbeit im Lokalen, im Häuslichen wurzeln muß und jede Bildungshilfe von ihr ausgehen und wieder dorthin zurückkehren soll, eine ordnende und fortbildende Tätigkeit ist nur von einer die Orte überschauenden Warte, von der Landschaft, vom Bezirke aus möglich.“

Ganz in diesem Sinne waren bald nach Kriegsende auf Bezirksebene Arbeitskreise entstanden: Den Anfang hatte im Frühjahr 1946 in Liezen der Ennstaler Arbeitskreis gemacht; seinem Beispiel folgend, wurden binnen kurzer Frist auch in anderen steirischen Bezirken und Regionen Arbeits- und Heimatkreise gegründet. Kapfhammer förderte diese Entwicklung nach Kräften, sah seine Aufgabe allerdings nicht darin, von Graz aus Weisungen zu erteilen und die Bildungsarbeit in den Bezirken zu dirigieren, sondern begnügte sich damit, Vermittler zu sein zwischen den einzelnen Arbeitskreisen, geistige Impulse zu geben, Gespräche herbeizuführen, regelmäßig Tagungen zu organisieren und für ständigen Erfahrungsaustausch zu sorgen.

1953 zog er Zwischenbilanz: „Die Arbeitskreise entwickeln sich sehr verschieden. Das ist ein gutes Zeichen und zeugt für ihre Selbständigkeit (sie sind nicht Zweigstellen einer Zentrale!). […] Manche haben ihr persönlich oder landschaftlich bedingtes ‚Steckenpferd‘: das Büchereiwesen, die Volkstumspflege oder die Vortragstätigkeit, die Vereinigung der Künstler oder die Musikerziehung. […] Der Arbeitskreis eines bäuerlichen Bezirkes stützt sich auf das überlieferte Brauchtum; der andere, der ihm benachbart ist, steht mitten im Industrieland und versucht in die Arbeiterschaft hineinzuwirken und packt städtische Probleme an. So vielfältig ist ihre Arbeitsweise, das Tempo, aber auch die Qualität der Tätigkeit.“

Mochte diese Struktur im Einzelnen auch gute Ergebnisse zeitigen, so barg sie im großen Ganzen gravierende Nachteile. „Es war der offiziöse Charakter der Arbeitskreise – die Bezirkshauptleute sollten eo ipso ihre Vorsitzenden sein –, der keine gesetzliche Deckung hatte und es daher auf die Dauer unmöglich machte, die notwendige materielle Förderung durch das Land zu erhalten“, erinnert sich Hanns Koren. „Es mußte die Form des Vereins gefunden werden, deren Zusammenfassung der Arbeitskreise zu einem Landesverband gewissermaßen die Funktion eines legitimen Dotationsempfängers erfüllte.“

Dieser Verein wurde schließlich 1956 gegründet: das „Steirische Volksbildungswerk“, keine von Grund auf neuartige Körperschaft, sondern lediglich „ein neuer Rock“, unter dem „das alte Herz nun weiterschlagen sollte“, wie Hanns Koren, der Gründungsobmann des Vereins, betonte.

Zum neuen Rock gehörte nicht zuletzt auch eine neue Zeitschrift: An die Stelle der „berichte zur erwachsenenbildung und kulturarbeit“ traten im Frühjahr 1957 die „Steirischen Berichte“, aus einem bescheidenen hektographierten Mitteilungsblatt für die Angehörigen der Bezirksarbeitskreise wurde eine professionell hergestellte Kulturzeitschrift, die sich unter wechselnden Redaktionen seit nunmehr sechs Jahrzehnten redlich bemüht, ihrem von Hanns Koren gültig formulierten Anspruch, „eine Spiegelung des geistigen Lebens der Steiermark auf[zu]fangen“, Heft für Heft gerecht zu werden.

War auch von Anfang an Graz status loci des neuen Vereins, so galt und gilt seine Kultur- und Bildungsarbeit bis heute dem gesamten Landesgebiet.
Ein neues Zentrum war entstanden, doch ohne jeden Zentralismus; das Eigenleben der örtlichen Bildungswerke blieb uneingeschränkt bis zum heutigen Tag. So erstarrte das Steirische Volksbildungswerk auch nicht zu einer einheitlichen, nach außen und innen geschlossenen Institution, sondern blieb eine offene Plattform für verschiedene kulturelle, heimatkundliche und volksbildnerische Bestrebungen zwischen Bad Aussee und Bad Radkersburg.

Mag. Christian Teissl, Jahrgang 1979, Schriftsteller, Redaktionsmitglied der steirischen berichte. ALLE RECHTE VORBEHALTEN.

Verwendete Literatur:
KAPFHAMMER, Franz Maria: Moderne Heimatpflege (1948). In: F.M.K., Bekenntnis und Dienst. Steirisches Volksbildungswerk 1971, S. 281–292.
KAPFHAMMER, Franz Maria: Volksbildnerische Erinnerung. Hg. von Karl Kalcsics. Graz: Förderungsstelle des Bundes für Erwachsenenbildung 1980.
KOJALEK, Kurt: Volksbildung in der Steiermark 1819–1979. Eine Dokumentation. Steirisches Volksbildungswerk 1999.
KOREN, Hanns: Das steirische Volksbildungswerk. In: H.K., Verwandlung der Heimat. Graz: Styria 1972, S. 75–95.